Sollten wir uns was schämen? - Angedacht Text im September

02.09.2019 |

Angedacht Text von Pfarrer Holger Wilhelm aus der Gemeinde Hausen.

Flugscham – so heißt das neue Wort, das in Schweden in aller Munde ist. Es bezeichnet die Scham, zu fliegen, obwohl man weiß, dass es sehr klimaschädlich ist. Was eine ganze Reihe von weltweiten Klimagipfeln nicht geschafft hat, ist Greta Thunberg und der von ihr ausgelösten Bewegung junger Menschen gelungen. Schülerinnen und Schüler werden bei ihren „fridays for future“-Demos zu Klimaaktivisten – und reißen ihre Eltern mit. Für manche von den Jugendlichen hat es im praktischen Leben zu nur wenig Konsequenzen geführt. Für andere aber wohl: Für eines unserer Kinder geht es jetzt samstags mit der U-Bahn zum Sport in Preungesheim, statt sich mit dem Auto fahren zu lassen. Und mittlerweile gibt es z. B. die Geschichten von Jugendlichen, die sich weigern, mit den Eltern in den Urlaub zu fliegen. Ob es nicht auch eine Reise mit der Bahn oder dem Auto sein kann, fragen sie zu Recht.

Ich habe das für mich mal praktisch durchgerechnet: Im Oktober machen die Pfarrerinnen und Pfarrer des Dekanats eine Fortbildung in Frankfurts Partnerstadt Birmingham. Es sollte geflogen werden. Meine Tochter fragte, ob das sein müsse. Ein bisschen war es vielleicht auch Neid, denn in der Familie sind wir schon sehr lange nicht mehr geflogen – die Kinder noch nie. Naja, dachte ich, es ist ja keine so große Flugstrecke. Das ist schon mal ok. Aber bei einem CO2-Rechner im Internet habe ich herausgefunden: Allein diese kurze Flugstrecke ließe mich so viel CO2 in die Atmosphäre bringen, wie ein halbes Jahr Familienauto zu fahren. Dann war sie da, die Flugscham.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die da beruflich keine Wahl haben. Aber bei der Pfarrerfortbildung haben wir die Wahl. Und überall da, wo wir selbst die Wahl haben, geben wir selbst eine Antwort – müssen uns „verantworten“. Mittlerweile sind wir ein Drittel, die den Zug nehmen. Und die nächste Fortbildung soll nicht mehr so weit weg sein. Das rettet das Klima nicht, aber es ist ein Beitrag. Und wir schämen uns nicht mehr so sehr.

Mir ist sehr bewusst, dass meine Gedanken so wirken könnten, also wollte ich anderen ein schlechtes Gewissen machen – und es selbst besser hinbekommen. So ist das allerdings nicht. Ich fahre immer noch Auto und Bahn (aber auch viel Fahrrad), wohne immer noch in einem Haus mit mehreren geheizten Zimmern, benutze ein Handy und einen Fernseher… Ich bin kein Klimaheiliger. Das schaffe ich nicht. Aber ich will ehrlich sein. Und mir Gedanken machen. Und meine Scham nicht verdrängen.

Ganz gleich, wie wir persönlich den eigenen Anteil einschätzen: die Klimadebatte ist in der Gesellschaft angekommen. Endlich wird diskutiert – und zwar in allen Generationen. Vielleicht zehn Jahre zu spät, aber immerhin. Viele haben verstanden, dass es auf uns alle ankommt. Mit unserem Konsumverhalten bestimmen wir alle mit, wohin die Reise geht auf unserem Planeten.

Ich habe überlegt, ob das Thema auf die Titelseite der Gemeindezeitung gehört oder als Angedacht-Text auf die EJW Homepage. Ich denke: ja. Waren und sind wir Christinnen und Christen nicht Menschen, die für die Bewahrung der Schöpfung eintreten wollen? Empfinden wir diese Erde mit ihrer unglaublichen Schönheit und ihrem unermesslichen Reichtum nicht als Geschenk Gottes, das es zu bewahren gilt, auch für die nächsten Generationen? Meine Tochter ging auf die fridays for future-Demo mit einem selbstgemalten Plakat: „Begrenzte Auflage – bald nicht mehr vorhanden!“ Recht hat sie: Es gibt keinen Plan B für unsere Erde.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das mit dem Klimawandel anders sehen. Dass er nicht menschengemacht sei. Diese Meinung kann man haben, auch als Christin oder Christ. Aber es gibt mir zu denken, dass sich die Forschung zu weit über 90 Prozent einig ist, dass wir diesen sehr schnellen Klimawandel selbst produziert haben. Allerdings nicht nur Sie und ich. Sondern schon alle Generationen vor uns seit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts. Es geht also schon länger so. Und wir sind nicht alleine schuld.

Nur sind wir die erste Generation, die um das Ganze weiß – und auch darum, was man tun kann. Und deshalb schäme mich, ja. Was soll ich meinen Kindern und vor allem Enkelkindern denn sagen, wenn sie fragen: Warum habt Ihr damals nicht mehr getan? Ihr habt das doch gewusst! Und was soll ich meinen Mitmenschen auf diesem Globus sagen, die in Bangladesch von Überflutungen betroffen sind und zu Flüchtlingen werden, weil die Menschen in meinem Teil der Erde ein Vielfaches von dem Mittelwert an CO2 ausstoßen, den sich alle Menschen weltweit durchschnittlich leisten könnten?

Darauf habe ich keine Antworten. Außer mich zu schämen, Gott um Gnade zu bitten und mein Mögliches zu tun, damit es nicht ganz so schlimm wird. Und gleichzeitig will ich aus dem Glauben heraus befreit leben. Will darauf vertrauen, dass Gott Wege für uns bereithält, wenn wir bereit sind, uns zu bewegen. Und von schädlichen Wegen auch umzukehren.

Deshalb ja: Es kann gut tun, sich ehrlich mal zu schämen. Denn das kann der Moment sein, in dem Gott uns im Herzen und im Verstand berührt. Und wenn wir berührbar werden für die Nöte dieses wunderbaren Planeten, dann könnte sich doch noch was ändern. Gott segne uns!

Pfarrer Holger Wilhelm, Gemeinde Hausen in Frankfurt

 

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