Selbst-Inszenierung ist bei Gott nicht nötig - Angedacht-Text im Februar von Pfrn. Charlotte von Winterfeld

01.02.2018 |

Charlotte von Winterfeld (Foto von Nicole Kohlhepp)

Selbst-Inszenierung ist bei Gott nicht nötig.

Anna ist dreizehn Jahre alt. Sie möchte mithalten können mit den anderen Mädchen. Sie erzählt von ihrem neuen Freund Tom in Aachen. Sie erzählt davon, wie er ihr den ersten Kuss gab und wie er ihr eine rote Rose geschenkt hat. Aber: Tom gibt es gar nicht. Am Anfang geht alles noch leicht von den Lippen. Es macht Spaß, sich diesen neuen Freund auszudenken. Groß ist er, und sportlich, dunkle Haare hat er und blaue Augen. Mit ihm kann man lachen. Doch dann fangen die Probleme an. „Zeig uns doch mal ein Foto von ihm“, sagen die Freundinnen. „Das geht nicht, er lässt sich einfach nicht gern fotografieren!“ Als dann die Klassenfahrt ausgerechnet nach Aachen geht und die anderen ihren fiktiven Freund kennen lernen wollen, wird es richtig unangenehm. Ihr Herz pocht, sie wird ganz blass und ihr ist heiß vor Angst. Sie denkt: „Wie komme ich nur aus dieser Nummer raus, ohne mich total zu blamieren?“

Anna erfindet sich einen Freund, um besser dazustehen und interessant zu sein. Das kann ich gut verstehen. Und das gibt es auch bei Erwachsenen.

Da schmückt sich jemand mit dem Doktortitel, um mehr Chancen zu haben in der Arbeitswelt. Ein Zeitungsbericht hat ihn Doktor genannt, und er hat den Irrtum nicht aufgeklärt.

Ich kann mir schon vorstellen, wie man in so etwas hineingerät. Zu einfach die Gelegenheit. Zu angenehm die Anerkennung, die man genießt. Und zu peinlich, die Sache ins rechte Licht zu rücken. Plötzlich muss man alles um die Lüge herum erfinden, sich selbst der Fiktion anpassen. Und dabei entfernt man sich immer mehr von sich selbst.

Ich frage mich schon manchmal: Wann bin ich Ich selbst? Ohne Beschönigung? Kann ich mir selbst Fehler zugestehen? Wem mute ich mich zu, wie ich wirklich bin?

Gut, dass Gott mir Menschen an meine Seite gestellt hat, bei denen ich nichts darstellen muss und auch mal schlechte Laune haben darf. Bei guten Freunden zum Beispiel muss ich mich gar nicht selbst inszenieren. Das wollen die gar nicht.

Anna hat keine Lust mehr auf die Geschichte mit Tom. Es ist ihr zu anstrengend. Als eine Freundin sie fragt „Und wie geht’s Tom?“ nimmt sie allen ihren Mut zusammen: „Ach, den Tom, den gibt’s doch gar nicht.“ Sie weiß nicht, was passieren wird. Sie weiß nicht, wie die anderen reagieren. Aber sie ist wieder sie selbst.

Charlotte von Winterfeld, Pfarrerin in der Ev. Kirchengemeinde Nied

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