Predigt zum Faschingssonntag zum Thema „Göttliche und menschliche Narretei“ von Pfr. Ingo Schütz aus Bad Vilbel

01.03.2019 |

Liebe Gemeinde,

überall wimmelt es dieser Tage von Närrinnen und Narralesen, auf den Straßen unserer Städte und auf den Kanälen im Fernsehen – sind zufällig auch irgendwelche Narren heute hier im Gottesdienst? Ja? Nein? Das ist beides erstaunlich – denn einerseits findet die Bibel harsche Worte im Bezug auf Narren, also auf Menschen, die alles andere als von Weisheit geprägt sind. Andererseits gibt es auch das Lob der Narretei in der Bibel, ja, die frohe Botschaft des Evangeliums selbst wird als etwas Närrisches bezeichnet. Grund genug, heute einmal zu fragen: Was hat es mit Fasching, Karneval und Fassenacht auf sich und was hat uns als Christinnen und Christen das alles zu sagen?

Zunächst schauen wir auf die Bedeutung des Wortes. „Fasching“ lässt sich wohl zurückführen auf „fast-schank“ und bezeichnet den letzten Ausschank von Alkoholika vor der Fastenzeit, in der dann auf berauschende Getränke verzichtet werden sollte. „Fastnacht“ bezieht sich ebenfalls auf die Fastenzeit und meint die Nacht vor ihrem Beginn – wobei diese letzte Nacht eben um die vorhergehenden Tage erweitert worden ist. Und Karneval leitet sich wahrscheinlich ab vom lateinischen „carne vale“, frei übersetzt „Fleisch adé“: Was in der Fastenzeit sieben Wochen lang vergönnt sein wird, darf in diesen tollen Tagen noch einmal exzessiv genossen werden. Allen drei Bedeutungen ist gleich, dass hier noch einmal aufgedreht werden soll beim Blick voraus auf die sieben Fastenwochen von Zurückhaltung und Entbehrung.

Dieser Hintergrund erklärt übrigens auch, warum der Karneval eigentlich eine katholische Tradition ist und Protestanten geschichtlich gesehen damit nicht besonders viel anfangen können. Die Katholiken waren beim Fasten kirchenhistorisch immer deutlich strenger als die Evangelischen. Schließlich haben die Reformatoren die Fastenleistung in die Nähe einer Werkegerechtigkeit gerückt, also problematisiert, dass jemand sich vor Gott seines Fastens rühmen könnte. Weil ihnen nun angesichts des gnädigen Gottes des Evangeliums das Fasten nicht mehr so wichtig sein konnte, mussten sie auch vor der Fastenzeit nicht mehr aufdrehen, der Karneval verlor also an Bedeutung. Bis heute sind die Nachwirkungen dieser religiösen Entscheidungen tief in der Gesellschaft verankert. In Mainz, in Köln und im gesamten Rheinland wird gefeiert, was das Zeug hält – aber im preußischen Berlin wie im gesamten protestantisch geprägten Norden der Republik spielt die Fassenacht eher eine untergeordnete, wenn überhaupt eine Rolle.

Die erste Bedeutung des Fasching entsprang also dem Blick nach vorne auf die Fastenzeit. Eine zweite Bedeutung kommt vom Blick zurück: Alte Geister sollen vertrieben werden. In unserer Gegend zelebrieren wir den Abschied vom Alten eher an Silvester, indem wir die Geister der Vergangenheit durch Böller und Raketen von dannen jagen – so der volkstümliche Hintergrund unserer Knallerei. Aber in der alemannischen Fasnet hat sich dieser Brauch aber auch für spätere Tage deutlich erhalten: Gruselige Monster springen dabei durch die Straßen und sollen den Dämonen Angst machen, sollen vertreiben, was uns bedrückt – und das ist die zweite Bedeutung von Fasching, die Sehnsucht danach, Altes loszuwerden.

In beiden Blicken, vor und zurück, spiegelt sich nun eine närrische Weisheit: Das Leben und alles könnte auch ganz anders sein. Und das ist der Punkt, an dem sich Fasching und Evangelium schneiden. Schließlich träumen auch wir davon, dass diese Welt eine andere friedvollere sein könnte! Und ist es nicht in den Augen anderer Menschen immer wieder närrisch, was wir als Christinnen und Christen fordern? Ich denke in diesen Tagen an zwei solche christliche Narreteien, die Wirklichkeit geworden sind. Martin Luther Kings Aktionen gegen die Rassentrennung, seine berühmte Rede „I have a dream“. Hätte man King nicht zu Recht einen Narren nennen müssen, als er begann gegen die Rassentrennung in den USA aufzustehen und diesen verrückten, närrischen Traum von einer Gesellschaft zu formulieren, in der die Hauptfarbe nicht mehr über das Schicksal eines Menschen entscheidet? Und was ist mit den Menschen, die vor gut 25 Jahren in Leipzig auf die Straße gegangen sind, wohl wissend, dass die Staatsmacht schwer bewaffnet gegen sie stand und für einen mörderischen Schießbefehl nicht viel fehlte – waren sie nicht Narren daran zu glauben, dass ihr friedlicher Protest sich durchsetzen würde?

Paulus selbst nennt das Evangelium, das er verkündet, auch ganz offen eine Narretei (1. Kor 1,18ff). Unser Glaube ist eine solche Narretei. Weil wir erwarten, dass die Liebe, die von Gott kommt, sich gegen alle menschliche Waffengewalt durchsetzen wird. Das ist töricht – in den „Augen der Welt“. Und gleichzeitig ist dies eine Weisheit Gottes, der dadurch nichts genommen wird, dass Menschen sie für närrisch halten. Darum träumen wir weiter davon, dass sich die Verhältnisse ändern werden, dass die Mächtigen ihre Macht teilen, dass Militärs zur Musik tanzen anstatt zu marschieren, dass nicht die Massen einigen Helden applaudieren, sondern alle Menschen miteinander bejubelt werden. Wir träumen von der Umwertung der Werte und der Umkehrung der Verhältnisse, von einer Zeit, in der die Dinge, die bei uns falsch laufen, sich ins Gegenteil verkehren.

Im Fasching zeigt sich davon etwas, auch wenn man kein Christ sein muss um Fasching zu feiern. Er ist im besten Sinne ein Bild einer solchen „verkehrten Zeit“, wie wir sie erträumen. Schauen Sie genau hin: Da ist der Elferrat bei den Sitzungen. Statt der üblicherweise zehn Dezernenten einer städtischen Regierung wird hier in einer parodistischen Verkehrung die Schnapszahl Elf gewählt, und auf der Regierungsbank sitzen keine hoch gebildeten Technokraten, sondern einfache Menschen, deren Humor die entscheidende Qualifikation für das Amt bildet und die genau wissen, dass auch jeder andere an ihrer Stelle sein könnte. Die „weltlichen Herren“ werden hingegen in der Zeit des Karneval entmachtet. So wurde gerade Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann in Ketten zum Justitia-Brunnen geführt und musste dort symbolisch, wenn schon nicht den Löffel, so doch wenigstens den Stadtschlüssel abgeben. Für ein paar tolle Tage sind die Machtverhältnisse völlig umgekehrt, das lustige Volk sitzt auf der Regierungsbank und herrscht mit seiner Heiterkeit.

Da ist außerdem die Garde. Ich selbst habe früher nie viel anfangen können mit dem Gehüpfe der Tanzmariechen, schon gar nicht mit dem Männerballett, und bis heute bin ich froh, dass ich jede Ausladung dazu bisher ausschlagen konnte. Aber begriffen habe ich inzwischen auch, worum es bei der Garde eigentlich geht: Es ist eine Persiflage auf das Militär, das im Gleichschritt aufmarschiert. Hier, in dieser verkehrten, närrischen Welt aber schießt es eben nicht, sondern es tanzt, es wird nicht zackig salutiert, sondern mit aus- und einladender Geste „Helau“ und „Alaaf“ gerufen. Was für eine herrliche Umwälzung des Althergebrachten und Erwartbaren.

Und schließlich ist da das Bonbonwerfen. Sein Vorbild besteht im Einzug eines Königs in einer Stadt, wenn Menschen auf die Straßen strömen um ihm zuzujubeln, Blumen vor ihm auf die Straße zu werfen. In unserer Zeit gibt es nur noch wenige Könige, aber das Phänomen ist gleich geblieben. Es war so, als Kennedy vor über 40 Jahren Berlin besucht hat, es war nicht anders, als letztes Jahr die deutsche Nationalmannschaft sich den Weg zur Meisterfeier in Berlin bahnte. Das Volk erweist den Helden die Ehre – und im Karneval ist auch das genau andersherum. Hier wird dem Volk die Ehre erwiesen, was im Werfen der Bonbons symbolisch zum Ausdruck kommt.

Es zeigt sich: Ein Narr in diesen Zeiten kann ein durchaus weiser Mensch sein, denn er träumt den Traum von einer anderen Welt, wie er auch in den Visionen des Alten und Neuen Testaments zum Ausdruck kommt. Ein Narr kann aber zugleich auch ein furchtbar dummer Mensch sein, wenn er das Feiern nämlich als bloßes Halligalli versteht, als Möglichkeit sich straffrei volllaufen zu lassen, als permanente Party, ohne zu begreifen, dass dieser närrischen Zeit eben auch jene andere Zeit gegenübersteht, die Fastenzeit, in der wir uns auf die österliche Gottesnähe vorbereiten. Nur aus dem Gegenüber zur nüchternen Wirklichkeit unserer Welt, wie sie ist, erwächst die positive Spannung eines Faschingsfestes, das die Welt zeigt, wie sie sein könnte.

Auch die Bibel kennt diese beiden Qualitäten, die Weisheit und die Dummheit des Narren. So kann es z.B. in Ps 53 heißen: „Es sind Narren, die sich einreden: ‚Gott gibt es überhaupt nicht!‘, sie leben an der Wirklichkeit vorbei. Sie führen ein gottloses Leben, und alles, was sie tun, ist abscheulich.“ Und gleichzeitig schreibt Paulus in 1. Kor 1,18: „Das Wort vom Kreuz ist eine Narretei denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.“ Närrisch ist das Evangelium eben denen, die sich auf menschliche Weisheit verlassen; für Narren werden wir Christinnen und Christen gehalten, wenn wir mit Kerzen und Gebeten einen Unrechtsstaat überwinden wollen wie die Menschen in Leipzig vor 25 Jahren, wenn wir mit nichts als unserer Hoffnung und mit pathetischen Worten die Rassentrennung überwinden wollen wie Martin Luther King in den 60er Jahren in den USA.

So können Narren weise sein, wenn sie sich auf Gottes Weisheit verlassen, die der menschlichen Weisheit oft genug entgegensteht. Und Narren können furchtbar dumm sein, wenn sie in ihrem närrischen Treiben, im exzessiven Auskosten des Lebens vergessen, dass die Feierei nicht das einzige im Leben ist. Wie dicht beides beieinander liegt, davon erzählt schließlich die Geschichte zweier Narren, die ich uns abschließend auf den Weg in die letzten närrischen Tage geben möchte:

Es war einmal ein König, der sich nach der Sitte der Zeit einen Hofnarren hielt. Diese Narren hatten das Recht, den Königen und Fürsten die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie bitter war. War sie zu bitter, dann hieß es einfach: "Er ist halt ein Narr!"

Eines Tages schenkte der König seinem Hofnarren einen goldenen Narrenstab mit Glöckchen daran und sagte: "Du bist gewiss der größte Narr, den es gibt. Solltest du jemals einen treffen, der noch närrischer ist als du, dann gib ihm diesen Stab weiter." Jahrelang trug der Narr den Stab.

Eines Tages erfuhr der Narr, dass der König im Sterben lag. Da hüpfte er in das Krankenzimmer und sagte: "König, ich höre, du willst eine große Reise antreten."- "Ich will nicht", erwiderte der König, "ich muss!" "Oh, du musst? Gibt es also doch eine Macht, die noch über den Großen der Erde steht. Nun wohl! Aber du wirst sicher bald wieder zurückkommen?" - "Nein!" ächzte der König. "Von dem Land, in das ich reise, kehrt man nicht zurück." - "Nun, nun", meinte der Narr begütigend, "gewiss hast du diese Reise seit langem vorbereitet. Ich denke, du hast dafür gesorgt, dass du in dem Land, von dem man nicht zurückkommt, königlich aufgenommen wirst."

Der König schüttelte den Kopf. "Das habe ich versäumt. Ich hatte nie Zeit, diese Reise vorzubereiten." - "Oh, dann hast du sicher nicht gewusst, dass du diese Reise einmal antreten musst." - "Gewusst habe ich es schon. Aber - wie gesagt - keine Zeit gehabt, mich um die rechte Vorbereitung zu kümmern."

Da legte der Narr leise seinen Stab auf das Bett des Königs und sagte: "Du hast mir befohlen, diesen Stab weiterzugeben an den, der noch närrischer ist als ich. König! Nimm den Stab! Du hast gewusst, dass du in die Ewigkeit musst und dass man von da nicht zurückkommt. Und doch hast du nicht Sorge getragen, dass dir die ewigen Wohnungen geöffnet werden. König! Du bist der größte Narr!"

Amen.

 

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