Ich bin genervt - Angedacht im Februar

15.02.2021 |

Motiv: Sebastian Hoffmann

Ich muss sagen prinzipiell geht’s mir ganz gut, aber ich bin auch ziemlich genervt.

Das weiterhin Flüchtende im Mittelmeer ertrinken oder in Zelten im Schlamm wohnen müssen, dass der Impfstoff so langsam verteilt wird, dass man mit Menschen nicht mehr diskutieren kann, sondern gefühlt alle 100% dafür oder dagegen sind!

Von Corona bin ich genervt, davon dass man alles absagen muss, dass man Freund*innen nicht sehen kann, dass man zwar arbeiten und in die Schule muss, aber keine Möglichkeit hat seine Freizeit zu gestalten

Aber auch noch kleiner, ganz bei mir selbst: Ich bin genervt von anderen, wenn deren Internetleitung nicht gut ist und ich sie kaum verstehen kann, oder wenn jemand zu einem verabredeten Onlinetreffen gar nicht kommt. Wenn meine Eltern immer öfter anrufen und fragen, wie es mir geht – Rate mal! Nicht anders als letzte Woche, Mama! Dabei ist ihr doch auch nur langweilig... Oder wenn sich Freunde nicht melden und ich mir denken "Ich hab mich doch schon dreimal bei dir gemeldet, jetzt bist du mal wieder dran", und sie schreiben einfach nicht. Das nervt mich.

Und ich selbst nerve mich auch.

Wenn ich in der Uni sitze, also zuhause in der online Uni, dann scroll ich immer wieder durch instagram, obwohl ich mir doch vorgenommen hatte, voll dabei zu sein. Mir fällt das Lernen schwer, was mich wütend auf mich selbst macht. Und mit dem Sport machen wollte ich wieder mehr anfangen als Neujahresvorsatz, und öfter in den Wald gehen. Ich war bisher einmal im Wald, die Fitnessstudios haben zu... und ich das ganze Jahr bisher 5 Liegestütze gemacht.

Und dann kam auch noch ein Brief von der Uni mit einem Teilnahmebestätigungsschein, den ich auf den Riesenberg mit Papierkram, den ich mal erledigen müsste, gelegt habe … Aber es war auch noch eine Karte in dem Brief.

Sie ist oben abgebildet:

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Ich hab mir die Karte einige Zeit angeschaut.

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Ob man sie schön findet, oder nicht, sei mal außen vorgelassen, aber sie hat etwas in mir bewirkt.

Irgendwie hat mich das Bild, was zwei Hände zeigt, die sich nacheinander ausstrecken und sich sehr sanft berühren, bewegt. Es hat mich angesprochen.

Es hat mir ein bisschen Ruhe gegeben.

Ich hab kurz aufgehört mich über meinen Papierkram und die ganzen unerledigten Aufgaben zu ärgern und mich über diese sehr sanfte Geste gefreut.

Gerade wo man niemanden umarmen darf, oder zumindest nicht so viele, wie gewohnt.

Und die Geste meines Dozenten, dass er diese Karte mitschickt.

 

Erst dann hab ich mich über den Spruch gewundert und nochmal festgestellt, dass Barmherzigkeit ein wirklich schwieriges Wort ist.

Google hat mir da nicht wirklich weitergeholfen: Das Wort kommt vermutlich von „ein Herz für Arme haben“ oder auch „nah am Herzen“ oder eventuell „ein pflegendes Herz“.

Da sich „ein Herz für Arme“, aber irgendwie so abstrakt, so weit weg anhört, hoffte ich, dass im biblischen Text noch ein bisschen mehr dazu steht.

Im Lukasevangelium steht nach „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ dass man nicht richten soll, nicht verdammen, sondern vergeben.

Und das, muss ich zugeben, fällt mir ziemlich leicht.

Also nicht das Vergeben, sondern das über andere richten und urteilen.

Und auch über mich zu urteilen ist mir ein Leichtes.

Was mir schwer fällt ist es anderen zu vergeben.

Und was mir fast noch schwerer fällt, ist mir selbst zu vergeben.

Weil ich nicht schaffe, was ich mir vornehme. Weil ich unkonzentriert bin. Weil ich nicht gut genug bin, für mich und andere. Weil ich eine schlechte Freundin bin, weil ich eine schlechte Tochter bin, eine schlechte Schülerin. In allem könnte ich besser sein. Aber ich bin es nicht und das ärgert mich und diesen Ärger trage ich mit mir herum und projiziere ihn auch auf andere.

 

Barmherzig sein.

 

Wenn barmherzig sein auch vergeben bedeutet, dann bedeutet das auch mir zu vergeben.

Dazu muss ich mich aber richtig kennen lernen und mit mir ehrlich sein.

Oft versuche ich mich von mir selbst abzulenken, indem ich super viele Streams, Serien und Filme schaue, oder durch social media scrolle, oder sehr, sehr viel mit anderen Leuten rede, um mich nur nicht mit mir selbst auseinander zu setzen.

Ich renne sozusagen vor mir weg, damit ich mich gar nicht mit mir auseinander setzen muss.

Weil wenn ich mich mit mir auseinandersetzen würde, würde mir sofort einfallen, was ich alles nicht kann, was ich nicht bin, worin ich schlecht bin oder wenigstens nicht gut genug.

 

Alles Sachen, wofür ich barmherzig mit mir selbst sein könnte...

 Das ist etwas, was ich wieder vermehrt machen möchte. Weniger wegrennen und mehr ehrlich sein.

Mir hilft es zu beten.

Im Gebet mit Gott bin ich ehrlich, da es keinen Sinn macht, sich was vorzumachen.

Das ist der Ort an dem ich meine Wut, meine Trauer ablegen kann. Und mir immer ein bisschen verzeihen kann, weil Gott mir verzeiht. Wie es ja auch in dem Vers heißt: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Vielleicht trifft das ja auch auf dich zu. Dass du dir Zeit nehmen möchtest um zu beten, weil man dort ehrlich sein kann. Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du die Gebete aufschreibst, oder mit Lobpreismusik durch den Schnee schlurfst. 

 

Mir zu verzeihen kann helfen, dass ich meinen Ärger nicht auf andere schiebe, nicht andere verurteile, für Sachen, die ich auch mache. Sondern ihnen ebenfalls vergeben kann.

 

Barmherzig mit mir selbst sein.

Das hoffe ich, dass ich es dieses Jahr mehr schaffe.

Und vielleicht mehr in den Wald gehe.

 - Text von Britta Meyer -

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