Füreinander beten – mutig und frei

28.02.2018 |

Liebe Leserinnen und Leser,

viele kennen es aus dem Gottesdienst: In der Fürbitte beten wir für andere Menschen, oft natürlich auch für eigene Anliegen. Es ist ein Grundimpuls des Christentums, dass Christenmenschen füreinander vor Gott eintreten. Fürbitten sind gute Wünsche, die wir für andere haben – und wir tragen diese Wünsche vor Gott, weil wir glauben, dass er etwas dazu beitragen kann, dass sie in Erfüllung gehen.

Es verändert uns aber auch selbst, wenn wir im Gebet andere in den Blick nehmen. Denn es kann schon mal sein, dass uns unser Gewissen dabei selbst sanft und liebevoll „ins Gebet nimmt“: Wir werden offener für den Gedanken, vielleicht auch noch etwas anderes für den Menschen zu tun, für den wir beten. Aber es ist schon gut und wertvoll, wenn wir eben dies tun: Füreinander beten.

Die Bitte für andere ist ein Stück soziale Einübung. Der Blick von uns weg auf die Sorgen und Bedürfnisse anderer ist nicht nur gelebte Nächstenliebe, sondern etwas, was in unserer Gesellschaft vom Aussterben bedroht zu sein scheint: Es ist gelebte Solidarität. Wir sehen nicht nur unsere Sorgen, Ängste und Bedürfnisse – und nicht nur unsere Wünsche. Im fürbittenden Gebet anerkennen wir, dass andere auch etwas brauchen, dass sie auch wünschen dürfen, dass es für sie einen Platz gibt auf dieser Welt – Raum zum Leben, von Gott gewollt und bejaht. Ein Christenmensch, der Gott nur für sich selbst bittet, hätte wohl etwas nicht ganz verstanden.

Eine Gesellschaft kann dauerhaft nur bestehen, wenn ihre Menschen auch die anderen sehen. Genau daran krankt unsere Zeit aber: Die unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Schichten und Gruppierungen scheinen sich immer mehr voneinander weg zu bewegen. Die Aufgabe, das Ganze zusammenzuhalten, wird delegiert: An die Regierung (die es nicht schaffen kann und anschließend für unfähig erklärt wird). Oder auch gerne an die Kirchen (die es ebenfalls nicht alleine schaffen können und dann gerne für nicht mehr relevant erklärt werden). Natürlich ließen sich hier noch weitere Institutionen aufführen… Dass es in einer funktionierenden Gesellschaft auf die Solidarität eines jeden und einer jeden ankommt, hören viele nicht mehr gerne.

Da ist es gut, wenn wenigstens wir den solidarischen Gedanken hochhalten, auch wenn wir die Welt damit nicht alleine „retten“ können. Es ist ein Stück Friedensarbeit. Vor allem dann, wenn wir in unsere Fürbitte nicht nur unsere liebsten Familienangehörigen und Freunde einbinden, sondern auch den kranken Nachbarn und die uns fremde muslimische Familie von gegenüber. Natürlich darf der Blick auch viel weiter reichen.

Ich bin sicher, dass viele Christinnen und Christen so handeln und für andere beten, durchaus regelmäßig. Ältere Menschen erzählen mir oft, dass sie es tun. Bei Taufgesprächen und anderen Anlässen höre ich, dass die Bitte für andere auch bei jüngeren Generationen ihren Platz hat. Und ich weiß von manchen Kranken, wie viel es ihnen bedeutet zu wissen, dass andere für sie beten.

Was ich mir noch wünschen würde, ist dass wir es ein Stück offener, sozusagen auch öffentlicher tun. Dass wir uns trauen darüber zu sprechen. Denn erst so wird aus dem intimen Gebet auch ein Stück solidarisches Handeln. Zum Beispiel könnten wir es den anderen sagen, wenn wir für sie beten. Das ist etwas zutiefst Heilsames. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Menschen in einer Gemeinde dem Pfarrer oder der Pfarrerin mitteilen, für wen am nächsten Sonntag gebetet werden könnte. Dabei müssen die Namen der Hinweisgebenden wie auch derer, für die gebetet wird, nicht unbedingt genannt werden. Man kann auch die Situation ohne Namen kurz beschreiben. Pfarrpersonen unterliegen der Schweigepflicht und man muss nur dazusagen, was nicht gesagt werden soll. Gott weiß sowieso alles Nötige. Natürlich ist die Idee mit der sonntäglichen Fürbitte nur eine von vielen Möglichkeiten. In vielen Gemeinden bestehen Gebetskreise, in die man Anliegen hineintragen kann.

Ob nun in der eigenen Fürbitte für andere (von der wir den anderen erstmals erzählen), oder durch Impulse für das gottesdienstliche Gebet: Es geht darum zu spüren: Wir können mutig und frei Gott jederzeit mit hineinnehmen in unsere Lebenssituationen. Denn da gehört er hin – zu uns und den anderen. Das offen und hoffnungsvoll zu tun wäre ein Stück gelebter Glaube. Aus solchem Glauben heraus könnten wir ein Stück mündiger werden auf dem Weg, Solidarität und Mitgefühl in unserer Gesellschaft zurückzugewinnen. Und das als praktisches Ergebnis unseres Gottvertrauens erkennbar zu machen. Denn unsere Welt braucht Christenmenschen, denen man anmerkt, dass sie welche sind. Ich weiß, das kostet ein bisschen Mut – mich übrigens manchmal auch. Aber keine Angst: Auch dafür werden Menschen beten.

 

Pfarrer Holger Wilhelm aus Frankfurt Hausen

« zurück