Angedacht Text - Februar von Sven Bourne

30.01.2019 |

Seit den letzten neun Monaten hat es hier nicht einen Tropfen geregnet…, so wie bei uns im vergangenen Sommer in Deutschland.

Es ist ein früher Morgen im Juli, und mit der schnell aufgehenden Sonne scheint es mir, als wäre der Projektor wieder an: So wie die letzten Tage und die kommenden drei Wochen habe ich das Gefühl, Teil eines Filmes zu sein, in dem ich mal Beobachter, mal Akteur bin. Denn genau so fühlt es sich an, wenn man, wörtlich gesprochen, seinen eigenen Horizont verlässt: wie in einem Film.

Link zur Kenia-Freizeit in diesem Jahr:                                                                                         www.ejw.de/freizeiten/detailansicht/freizeit/kenia/

Zusammen mit dem EJW-Hauptamtlichen James Karanja und einigen anderen Begleitern fahren wir im Namen des Projektes „Home Care International“ in einem Achtsitzer über den Äquator und erleben, wie sich nicht nur die Landschaft, sondern auch die Temperatur hier in Kenia verändern. Wir fahren durch kleine Dörfer immer weiter in den Norden, und nun, nach achtzehn Autostunden, erreichen wir langsam unser Ziel: „Korr“. Die Temperatur hat mittlerweile die 40°C-Marke geknackt, und neben mehreren intakten Kuh- und Ziegenskeletten, die wir auf dem Wege erblicken, wird mir schnell die Not der Gegend bewusst. Als Teil des afrikanischen Hungergebietes im Ost-Nord-Osten des Kontinentes (Somalia, Äthiopien, Kenia) zeigt sich mir das ganze Ausmaß der ausbleibenden Regenfälle hier in Korr besonders drastisch. Seit den letzten neun Monaten hat es hier nicht einen Tropfen geregnet, –das gab es noch nie zuvor! Während in diesen Tagen Deutschland sowie in weiten Teilen die USA mit überraschenden Fluten und historischen Niederschlagsmengen ringen, sind hier in Korr alle bisherigen Wasserquellen versiegt, sämtliche Felder vertrocknet, Herden verdurstet, und den ist Menschen jegliche Lebensgrundlage und Hoffnung entzogen worden. Nur durch eine der sechsundfünfzig in Korr engagierten NGOs, die hier letztes Jahr über 240 (!) Meter tief bohren musste, um an das Grundwasser zu gelangen, - zum Vergleich: die vorherigen Brunnen waren ca. zehn Meter tief - , ist die Wasserversorgung zur Zeit „sichergestellt“.

Mit sieben Tonnen Nahrung, gekauft mithilfe der Kollekte einer Frankfurter Kirchengemeinde, verteilen wir an einem dieser Tage Lebensmittel. Den Frauen, die teilweise zwanzig Kilometer durch die Wüste zu uns gelaufen sind, stehen Erschöpfung, Hilflosigkeit und Dankbarkeit in die Gesichter geschrieben.

In dieser Szenerie, mitten in dem täglichen Hunger und Durst der dürren Menschen und ihrer Kinder, mitten in ihrem Ringen mit dem Tode scheint mir die Jahreslosung umso unglaublicher:

„Ich will den Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“ Off. Joh.21,6.

Johannes Worte in der Offenbarung bergen zutiefst menschliche Sehnsüchte. Es geht um den Durst des Lebens in all seiner Vielfalt. Doch wie viel und was braucht es, um zu merken, ob man sein Wasser aus der falschen Quelle schöpft? Menschen verrennen sich in Karriere, Beziehungen, in einem künstlichen Ich, eine ganze Gesellschaft betäubt sich mit einem Lebensstil, der schon längst seine Erdung verloren hat.

Wie viel braucht es, bis eine Gesellschaft merkt, dass sie mit ihrer immer tieferen Grube anderen das Wasser abgräbt? Tatsächlich scheint die Korrelation zu stimmen: Je verantwortungsloser die Mächtigen in dieser Welt, ob im Weißen Haus in Washington, im VW Management oder in der von Brüssel gesteuerten Agrarindustrie, desto tiefer müssen andere graben, so wie hier in Korr, um an das Wasser zu kommen, wonach der Mensch so sehnlichst ächzt.

Leben aus der Quelle:

Wie die Jahreslosung 2018 es klarmacht: Gott will uns, den Durstigen, von dem sprudelnden Wasser geben, das den Durst für immer stillt. Ich glaube daran, dass Gottes Quelle mich, uns und unsere Gesellschaft, die für die versiegten Quellen hier in Korr mitverantwortlich sind, erden kann. Wenn unsere Herzen sich öffnen für das sprudelnd- frische Quellwasser Gottes, so kommen wir auch zurück zu den menschlichen, von Geburt an vorhandenen Eigenschaften, die Jesus uns vorlebte: Hilfsbereitschaft, Verantwortlichkeit und einem Blick für den Nächsten. Wann also sehen wir ein, dass unser aktueller Lebensstil, der Vorrang von Profit vor Verantwortlichkeit und der Luxus der einen das Leiden der anderen bedeutet, und wann helfen wir dort, wo wir gebraucht werden?

Als Heliand-Pfadfinder des Evangelischen Jugendwerkes fühle ich mich in diesen Zeiten gleichzeitig beschenkt und aufgefordert. Ich weiß, wie viel das Wenig -, wie hell das Dunkel - und wieviel Nehmen das Geben sein kann. Gleichzeitig ermutigte mich die Jahreslosung, dass, was wir als Heliand-Pfadfinder erlebt haben, in der Nachfolge Jesu an diejenigen weiterzugeben und mit ihnen unsere Erfahrungen aus Natur und Gemeinschaft zu teilen, die in ihrem Leben viel aus ihren Quellen trinken und dennoch dürsten.

             „Einsam bist du klein.

            Aber gemeinsam werden wir

            Anwalt des Lebendigen (Wassers) sein“.

Gottes Segen und Gut Pfad!

Sven Bourne, Feldmeister VII-PS

 


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